Eins und Alles

Datum: 16. Juni 2024 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Epheser 4,1-16

In Kapitel 4 vom Epheser wechselt der Fokus von Gott auf uns Menschen. Epheser 4 fängt in Vers 1 an mit „Ich bitte euch nun...“ Was uns anzeigt, dass die Kamera von Gott auf den Menschen schwenkt. In Christus wird Gott und Mensch vereint. Und so können wir von Jesus viel lernen. Er ist derjenige, der uns aufzeigt, wie wir beides vereinen können. Das Leben kann nicht in Schubladen aufgeteilt werden, es gehört alles zusammen. Das ist dann auch das, worauf unser Text heute hinauswill: Ein und Alles.

Wir erwarten den Punkt, wo wir die Reife in Christus erreichen (Eph 4,13). Aber Paulus ist nicht im Stress. Er zieht uns mit Geduld rein in ein von Gott gegebenes Verständnis von Gemeinde und zeigt uns, wo unser Platz in der Gemeinde ist. Die Gemeinde ist der Ort, wo wir über beides reden; wer Gott ist, und wer wir Menschen sind. Und da in der Gemeinde kommt beides zusammen.

Wir müssen nicht weit wegreisen, um Zeit mit Gott zu haben. Keine Audienz im Himmel (Röm 10,6) und auch kein Abstieg in die Tiefe der Erde (Röm 10,7). Gott ist hier bei uns – in unserer DNA, tief in unserer Geschichte, und hinter dem Vorhang ist er am Werk.

Da in der Gemeinde dürfen wir mitreden. Gott ist nicht abstrakt, weit weg und unerreichbar. Da in unserer Viva Kirche in Gossau sind wir eingeladen, Jesus nachzufolgen. Jesus ist Gott-mit-uns. Jesus ist der, der unsere Situation als Menschen kennt, und unsere Sprache spricht. Lassen wir uns nicht einschüchtern, Menschen, wie du und ich sind da willkommen.

Doch da liegt der Knackpunkt: Einfach nur in der Gemeinde auf dieser Erde anwesend zu sein, gibt uns keine Garantie, dass wir wirklich verstehen, was Gott mit uns vorhat. Geschenke haben es so an sich, dass sie angenommen oder abgelehnt werde können. Ein Geschenk hat nichts mit Zwang zu tun.

Paulus hat uns in den ersten drei Kapitel darauf vorbereitet, das Geschenk von Gott zu erkennen und anzunehmen. Er wird uns in den nächsten Versen im Detail aufzeigen, wie wir das umsetzen und das Geschenk leben lernen. Doch er schupft uns nicht durch die Tür. Er nimmt sich Zeit, um uns aufzuzeigen, was beim Erwachsenwerden alles dazugehört: Kopf, Leib, und mit Christus im Gespräch, wie das es weitergeht.

„die Berufung, die an euch ergangen ist” (V1)

Paulus fasst alles, was er bis jetzt gesagt hat, in einem Wort zusammen, und bereitet uns auf das vor, was noch vor uns liegt: Berufung. Das Wort von Gott an uns ist zuerst einmal ein Ruf, eine Einladung, ein Willkommen in seine Gegenwart und das, was er am Tun ist. Wenn wir diesem Ruf folgen, dann leben wir unsere Berufung. Die Berufung gibt uns ein Ziel, und gibt uns eine Aufgabe. Unsere Berufung prägt unser Verhalten und gibt uns Sinn. Wir leben in dieser Welt und in unseren Beziehungen, in die wir berufen wurden.

Es ist hier noch spannend, dass unsere Berufung auch mit unserem Beruf zu tun hat. Berufung, Ruf, das ist unser Weg im Leben. Ein Job ist etwas anderes. Ein Job ist eine Arbeit, die man uns zuteilt. Wenn die Arbeit getan ist, wenn der Job fertig ist, dann gehen wir zurück zu dem, was wir eigentlich sind, dort wo wir frei wählen können. Eine Berufung das ist mehr.

Jesus ruft uns. Wenn wir den Ruf hören, dann antworten wir und leben unsere Berufung. Von dem her formt der Ruf unser Leben, gibt unserem Leben Inhalt, und gestaltet unser Leben. Epheser 4,1: „Ich bitte euch nun, als Gefangener im Herrn: Führt euer Leben, wie es der Berufung, die an euch ergangen ist, angemessen ist“.

Dieser Ruf ist die Basis der Gemeinde. Für Griechen hatte dieses Wort nicht mit Religion zu tun. Es bedeutete einfach Versammlung, eine Sammlung von Leuten, die an einen bestimmten Ort gerufen wurden. In der griechischen Übersetzung von der Hebräischen Bibel wird dieses Wort mit Versammlung übersetzt, doch immer mit der Bedeutung, dass Gott derjenige ist, der hier zur Sammlung gerufen hat.

In diesem Sinne ist die Gemeinde der Ort, wo Gott wohnt, so wie der Tempel. Die Gemeinde ist der Leib von Christus, und wir, die hier ein und aus gehen, sind die Berufenen. Wir haben also jetzt eine Berufung. Der Ruf von Gott und unsere Berufung kommen in der Gemeinde zusammen. Das Rufen Gottes, gibt uns als Gemeinde Bewegung. Wenn wir dem Ruf folgen, bleiben wir im Glauben fit.

„Ich bitte euch...“ oder „Ich ermahne euch...“ (V1)

Vers 1 beginnt mit „Ich bitte euch...“ oder „Ich ermahne euch...“ Bis jetzt war der Brief eine trockene Predigt und nicht ganz einfach zu verstehen. Doch hier wechselt Paulus den Ton: „Ich bitte euch nun, als Gefangener im Herrn: Führt euer Leben, wie es der Berufung, die an euch ergangen ist, entspricht“ (Eph 4,1). Das Verb „Ich bitte euch“ bringt einen ruhigeren Ton, einen Ton, wie wenn ich mit jemandem „chatte“, so irgend wie, „Komm wir sitzen mal zusammen und reden darüber, wie wir uns bei dem, was Gott am Tun ist, einklinken können.“

Besonders, wenn das Verb «ermahnen» gebraucht wird, dann denken wir an den Mahnfinger. Doch im Griechischen bedeutet das Verb mehr «trösten». So wird das z.B. im Epheser 6,22 mit „das Herz trösten“ übersetzt.

Das Verb hat die gleichen Wurzeln wie «rufen», und das ist wieder nahe beim Wort für Kirche oder «Gemeinde». Wenn wir von Christus aus der Welt in die Gemeinde gerufen werden, dann ist das kein Befehl, sondern das ist ein tröstender und ermutigender Ruf. So wie Eltern ihrem Kind zu rufen, «Komm, du schaffst das!» Das Kind kennt den Ton der Eltern und weiss, wie die Eltern es meinen.

Das ist nicht die Sprache von Autorität. So wie der Chef, der sagt «So, und jetzt machst du das so. Komm schon, du kannst das!» Es ist die Sprache, wo wir beim einer Tasse Kaffee sitzen, und sagen «Komm wir reden mal ehrlich miteinander. Ein offenes und ehrliches Gespräch zwischen Freunden.

In der Gemeinde kennen wir verschiedene Sprachen. Da ist mal die Predigt, dann ist da die Lehre und dann gibt es eben noch die dritte, die Sprache der Ermutigung, die auch bekannt ist als Hirtensprache.

In einer Predigt, da will der Pastor die Gemeinde vielleicht dazu bewegen, es wieder mal mit Beten zu versuchen. Der Prediger gibt dir Hoffnung, und zeigt, dass Gebet wirklich etwas bewegen kann.

In der Lehre, da schauen wir zuerst einmal, was es alles für Arten von Gebet gibt, und wie sich diese unterscheiden. Ein Lobpreis ist nicht dasselbe wie Fürbitte. Dann würde man aufzeigen, wie man solche Gebete spricht, und wie das in der Bibel angewendet wird.

In der Ermutigung, da fragen wir spezifisch, «und wie geht es dir im Gebet? Was erlebst du das momentan?» Da reden zwei oder drei ganz konkret darüber, wie sie das Gebet im Chaos und Wirrwarr vom Alltag erleben. Das Leben ist eben nicht immer einfach 1+1+1=3, sondern da stehen wir einfach manchmal auch an, sind frustriert, weil etwas nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen. Oder wir freuen uns über etwas, und wir möchten diese Freude mit jemandem teilen.

Das ist die Sprache der Ermutigung, auch bekannt als Hirtendienst, oder Seelsorge.

Wenn wir im Glauben erwachsen werden wollen, dass ist die Sprache der Ermutigung, die Hirtensprache ein Schlüssel. Leider ist es in der Gemeinde oft die Sprache, die vernachlässigt wird. Wenn ein Hirte mit seinen Schafen redet, dann geht es konkret darum, wie Predigt oder Lehre im konkreten Leben umgesetzt werden.

Alle drei sind wichtig, aber Paulus zeigt uns, dass Ermutigung in der Gemeinde ein Schlüssel ist, um in Christus erwachsen zu werden.

Beispiel

Ich mag mich noch gut an eine Zeit in meinem Leben erinnern, wo ich im Glauben frustriert war und nicht weiterkam. Da fragte mich ein Mann aus unserer Gemeinde, ob wir zusammen einfach mal einen Tee trinken können oder zusammen einen Spaziergang machen.

Manchmal haben wir genügend gebetet und wir verstehen alles, und kommen doch nicht weiter. Da braucht es einen Menschen aus Fleisch und Blut, einer mit Herz, der zuhören kann und einfach aus seinem Leben erzählt.

Die Sprache heisst Hirtensprache, weil sie vom Psalm 23 geprägt ist. Da hat sich einer verlaufen und kommt nicht weiter, dann hört er «einen Stecken und einen Stab, die ihn trösten» (Psalm 23,4) Jesus in der Bergpredigt sagt es so: Segnet die Trauernden, “ denn sie werden getröstet werden” (Matt 5,4). Das ist die Sprache vom Trösten oder Ermutigen, «du bist nicht allein in dem» oder «Ich bin mit dir».

Das hat auch mit dem Heiligen Geist zu tun. Im Johannes Evangelium (Kapitel 13-18), da gibt es einen Punkt, wo die Jünger alle Predigten und alle Lehre von Jesus gehört haben. Dann sagt Jesus, dass er jetzt leider gehen muss, aber hinterlässt ihnen den Heiligen Geist, den «Paraklet», was Tröster, Fürsprecher, oder Freund heisst. Jesus lässt die Jünger nicht alleine, sie bekommen den Heiligen Geist.

Ermutigung ist die Sprache vom Heiligen Geist. Eine Sprache der Beziehung und der Nähe. Nicht einfach Information oder Erklärung. Nein, Gottes Wort mit uns – so wie wir es im Leben erleben.

Epheser 4,2-3 „in aller Demut und Sanftmut und in Geduld. Ertragt einander in Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!“ Eine Gemeinde, die solche Beziehungen lebt, hat Tiefgang. Keine Arroganz, keine Härte, und auch nicht Stress. Reif-werden braucht Zeit, und da gibt es viele Schritte, die wir nehmen: Reife kann man nicht pushen. Reif werden ist ein komplexer Prozess, bei dem es keine Abkürzungen gibt.

Die Gemeinde soll ein Ort der Ermutigung sein, wo Liebe und Frieden aktiv gelebt werden. Wenn wir unsere Berufung leben, dann würdigen wir andere. Das ist es, worum es in der Gemeinde geht. [Für Folie: einander nicht in Liebe ertragen (V2)] Keine Konkurrenz, oder „ich bin besser als du“. Nein, in der Gemeinde ist die Trennwand durch Jesus abgebrochen. Da können wir erwachsen werden und uns entfalten.

Was Paulus hier sagt, ist: Egal wie gut wir das Evangelium erklären und predigen können, egal wie gut wir die Bibel auslegen und lehren können, wenn wir nicht die Sprache von der Ermutigung lernen, dann sind die Chancen für das Erwachsen-werden minimal.

Fragen zum Mitnehmen

Kannst dir mal überlegen…

  1. a) Wo bekommst du Ermutigung für das Wirrwarr vom echten Leben? Mit wem redest du konkret darüber, wie es in deinem Glaubensleben aussieht?
  2. b) Und: Wo bist du ein Hirte für andere? Wo bist du ein Ermutiger, der mit anderen hie und da ein Stück Lebensweg geht?

Ein, ein, ein... ein-fach (V5-6)

Es gibt in unserer Berufung viel zu entdecken. Paulus hält nicht zurück mit der „Breite und Länge und Höhe und Tiefe” (Eph 3,18). Vielleicht bist du schon am Schwimmen, oder das mit der Gnade ist dir zu viel. Doch Paulus will, dass wir da zu Hause sind. Ein Zuhause suchen, einen Beruf annehmen, die Sprache lernen, Freundschaften aufbauen und zusammen alt werden.

Jetzt sagst du vielleicht... Das ist alles gut und recht. Doch wir laufen Gefahr uns zu überfordern, und dann gelähmt zu werden, von alle dem, was noch vor uns liegt. Wo fangen wir an?

Paulus ist ein guter Jude und er kennt seine Hebräische Bibel sehr gut. Paulus fängt an mit einem Wort, „Eins“ – er nimmt dieses Wort auf dem Glaubensbekenntnis von Israel: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist EINER.“ (Deut 6,4 – LU2017). Eins. Er wiederholt diese Zahl sieben Mal: „Ein Leib... ein Geist... eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott.“ Also, klipp und klar eins.

Ja, da geht einiges ab. Und ja, es gibt noch vieles zu entdecken. Und das alles hat einen Zusammenhang. Wir sind nicht Menschen ohne Beziehung. Wir leben unsere Berufung und entwickeln zusammen eine „Einheit im Geist … bis wir alle zu einer Einheit im Glauben finden – und in der Reife zu legen“ (Eph 4,3+13). Und diese Einheit fliesst von der Dreieinigkeit.

Wenn hier Paulus das Wort eins mehrmals wiederholt, dann will Paulus uns ermutigen. Er ist ein Hirte und sorgt sich um den Menschen. Mit dem Wort „Eins“ will Paulus sagen, das Leben ist einfach – oder auch nicht. Es fängt bei dem an, dass wir an der Dreieinigkeit teilnehmen. Wenn wir im Glauben unterwegs sind, dann fliesst alles in das EINE hinein, im Sinne von „Alles dient denen zum Besten, die Gott lieben“ (Röm 8,28 – vereinfacht). Wir müssen uns nun keinen Stress daraus machen, was wir wohl tun sollen. Als Jesus bei Martha und Maria zu Besuch war, da sagte er, wir sollen uns nicht über vieles Sorgen machen, sondern uns wie Maria lediglich um das eine kümmern, nämlich Zeit mit Jesus zu verbringen (Lk 10,41f).

Paulus zeigt uns die 7 Dimensionen der Einheit auf: „Ein Leib... ein Geist... eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater von allen, der das ist über allen und durch alle in allen.“ (Eph 4,4-6).

Die Zahl 7 ist ein Hinweis auf das, dass es um mehr geht, als was Paulus hier auflistet. Es geht um das ein und alles. In unserem Leben gehört alles zusammen – wir brauchen Gott und die Gemeinde. Wir können das eine ohne das andere nicht haben.

Wie geht es uns, wenn wir eine andere Gemeinde besuchen? Sind wir beeindruckt vom Bühnen Bild, von der Akustik im Raum, von der bombastischen Deko oder der Kunst vom Kreuz. Alles eindrücklich! Paulus schaut auf die Einheit der Gemeinde. Was hält die Menschen in der Gemeinde zusammen? Paulus gibt uns ein Glaubensbekenntnis mit zwei Punkten: Leib, Geist, und Hoffnung, und dann noch Herr, Glaube und Taufe, was dann wieder um vom siebten abgerundet wird „Gott und Vater von allen“ mit „über allen, [und] durch alle und in allen“.

 Alles und Eins fliessen hier zusammen.

Wenn man das so liest, dann gibt das einen Rhythmus. Je mehr wir dieses Glaubensbekenntnis leben, desto mehr wird unser Leben zu einer Einheit.

Bsp.

Im 2019 waren wir das letzte Mal in Kanada. Wir übernachteten bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von mir. Das war eine komische Familie. Er ist pensioniert und geht leidenschaftlich gerne auf die Jagd. Ihr leidenschaftliches Hobby ist Eishockey. Sie supersportlich, er isst gerne. Die Kinder alle ganz anders. Er der Elektriker, sie die Schönheitsdiva und dann noch die Tochter, die bei der Eisenbahn arbeitet. Ganz unterschiedliche Typen, und als wir bei ihnen wohnen durften, fiel uns auf, wie die Familie trotz ihren unterschieden funktionierte. Sie haben miteinander einen Rhythmus gefunden.

Für mich ist das ein Wunder, wenn eine Familie trotz ihrer Unterschiedlichkeit miteinander ihren Tramp finden. Da braucht es einen Rhythmus, einen gemeinsamen Schritt. Ich glaube nicht, dass man eine solche Einheit produzieren kann, sondern die kommt einfach in man zusammen unterwegs ist und miteinander Erlebnisse macht, ohne dabei immer verkrampft auf die Einheit zu achten.

Ich glaube genau so ist es mit einem Leben, wo wir in Christus zu einer Einheit finden und wo wir an Reife zulegen – das bringt man nicht zu Stande, das kann man nicht künstlich erzeugen – da gibt es zu viele Details, die dazugehören, als das man davon eine mathematische Formel ableiten kann. Vielleicht war es das, was Jesus meinte, als er in Lukas 17,20 sagte, dass man das Reich Gottes nicht beobachten kann, wie es wächst (kommt).

Keine Wegbeschreibung zu einem reifen Christ-sein

Was Paulus uns im Epheserbrief aufzeigt, ist, dass der Ort wo wir aufwachsen, die Gemeinde ist. Die Gemeinde ist der Leib von Christus, und es ist der Ort, wo wir Erwachsen werden. Auch wenn nicht immer alles ideal ist. Und doch, die Gemeinde bietet uns die Rahmenbedingungen, wo wir im Glauben erwachsen werden dürfen. Hier ist sind wir zu Hause, zusammen mit Paulus und allen Heiligen, in dieser Welt voller Gnade und guten Werken, an dem Ort, wo Jesus Frieden schafft, und seine Gemeinde baut, in der Weisheit von Gott, im Gebet, und mit Kindern, die in ihrer Unterschiedlichkeit von „Allem“ zusammenspielen, und dabei glücklich sind, langsam zu dem „einen“ aufzuwachsen.

Es gibt allerdings einen Hacken: die Gemeinde ist kein idealer Ort. Das war nie die Absicht von Gott. Gott wollte nie, dass die Gemeinde der Ort ist, wo die „Mehrbesseren“ vom Dorf sich treffen. Gott ist nicht wählerisch, wenn er in seine Gemeinschaft einlädt. Es gibt in der Gemeinde Sünder in Hülle und Fülle, Heuchler in Scharen, die Ungesitteten und Unsauberen. Wir werden zünftig enttäuscht, wenn wir in die Gemeinde kommen, und jetzt meinen, dass wir hier Männer und Frauen antreffen, die in der „Fülle von Christus“ bereits angekommen sind. Die Gemeinde ist voll von Männern und Frauen, die zusammen unterwegs sind. Die wenigsten sind schon am Ziel.

In der Gemeinde finden wir Männer und Frauen in allen Phasen vom Erwachsenwerden:

Babys, die noch in den Windeln stecken;

Kinder, die im Glauben auf Entdeckungsreise sind;

junge Erwachsene, die ein Moment ansteckend-enthusiastisch sind, und dann wieder mürrisch-rebellisch;

junge Mütter und Väter die noch immer am Kämpfen sind mit den Anforderungen und der Verantwortung von Eltern-sein;

solche in der Midlife-Krise, die vor Jahren von Job und Familie abgelenkt wurden und die sich jetzt wieder umschauen nach dem, was sie vermisst hatten;

Senioren, die sich mit dem Tod auseinandersetzen müssen – und das in einer Kultur, wo man so tut, ob es immer gleich weiter geht.

Als junger Mann hatte ich den Eindruck, dass es als Christ immer aufwärts geht. Für mich war ein gewisses Ideal wichtig. Dann war ich mal bei meiner Gotte in Bern zu Besuch, und erzählte ihr enthusiastisch, was Gott alles am Tun ist. Und ich sagte ihr, du als Diakonisse hast sicher auch schon viel mit Gott erlebt. Ich merkte, dass ihr das nicht passte.

Später, als Katja mal auf einen Besuch mitkam erzählte sie mir, wie sie als Jugendliche unfreiwillig bei den Diakonissen anmeldete. Sie arbeitete dann als Krankenschwester in einem Spital in Bern. Doch als sie dann älter wurde, wurde sie über ihrer Geschichte bitter. Bis eines Tages die Oberschwester vom Spital sich Zeit nahm, auf sie zu hören, und sie im Glauben zu begleiten. Sie war einfach für sie da, hörte ihr zu und betete mit ihr.

Ihre Schwester, die all das mitbekam, liess auf ihren Grabstein ein Wort meisseln: Gnade. Ich glaube das fasst das Leben von Menschen in der Gemeinde gut zusammen: Alles aus Gnade.

Ich glaube der Weg zum Erwachsen-werden geht durch das Banale. Die Gemeinde ist ein Ort gefüllt von banalen Menschen. Menschen, die mit sich selbst und der Gemeinde Geduld haben. Die Gemeinde ist nicht der Ort, wo es einfach immer nach oben geht.

Der Schlüssel in der Gemeinde ist, dass Gott dich liebt, so wie du bist. Die Frage, die wir uns stellen müssen ist, akzeptieren wir, dass Gott uns so liebt wie wir sind? Ich finde das schwierig, doch ich will es immer wieder versuchen.

Gebet

Danke, Jesus, dass wir als Gemeinde eine grosse Familie sein dürfen und dass es da Platz hat für Menschen, die im Glauben laufen lernen, und das in allen Phasen vom Leben. Danke, dass du uns liebst, so wie wir sind, und dass das uns ermöglicht im Glauben erwachsen zu werden. Deine Gnade genügt. In unserer Schwachheit ist deine Gnade das, was uns weiterbringt. Hilf uns, dir zu vertrauen. Jeden Tag, in allen Phasen des Lebens. Amen.

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