Begegnung – muss ich wirklich unter Leute gehen, um Gott zu finden?

Datum: 26. Oktober 2025 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Kolosser 3:16, 1.Thessalonicher 5:12-15, Hebräer 10:24-25

Einleitung

Wenn ich Leuten von meinem Job erzähle, reagieren viele mit irritierten Blicken. Dabei schätzen sie eine halbe Sekunde lang ab, ob ich das ernst meine. Ja, ich bin tatsächlich Pastor. Ja, ich arbeite tatsächlich für die Kirche. Oft sagen mir Leute dann, dass sie das von mir gar nicht erwartet hätten. Ich sei viel zu normal, zu jung, ganz andere Kleidung als erwartet usw. Bei diesen Gesprächen wird schnell deutlich, was diese Menschen über Gott, den Glauben und die Kirche denken. Oft fällt dann irgendwann eine Aussage im Sinn von: «Weisst du, mit der Kirche kann ich nichts anfangen, aber so wie du das mit dem Glauben erklärst, finde ich das noch spannend.»

Für mich ist das immer ein kleiner Stich ins Herz: Irgendwie sind wir als Gemeinschaft der Gläubigen nicht gut darin, unseren Mitmenschen den liebenden Gott zu zeigen. Im Gegenteil: Viele Menschen empfinden die Kirche nicht als Hilfe bei ihren Fragen zum Glauben und zum Leben, sondern als starre, konservative, irrelevante Institution.

  1. Geht es nicht allein?

Kirche, was soll’s? Wofür braucht es Kirche überhaupt noch? Dieser brandaktuellen Frage stellen wir uns mit sechs Gemeinden im Züri Oberland.

Heute widmen wir uns einem Thema, das sehr tief in unserer Gesellschaft verankert ist: Glaube ist Privatsache. «Wenn du an Jesus glauben willst, tu das, aber lass mich damit in Ruhe», denken viele. Diese Haltung hat sich auch innerhalb der Kirche breitgemacht. Es gibt in Europa mehr und mehr Christen, die ihren Glauben einfach für sich selbst gestalten. Sie hören christliche Podcasts, schauen sich den Livestream einer Gemeinde an; sie beten sogar und lesen die Bibel. Aber sie treffen sich nie mit anderen Christen. Warum auch? Uns steht das Internet zur Verfügung. Und ich garantiere dir: In den Tiefen des WWW wirst du immer einen Pastor finden, der bessere Predigten hält als dein Pastor vor Ort. Nicht falsch verstehen: Die digitalen Medien ermöglichen unglaublich viel. Wenn du krank oder in den Ferien bist, ist ein Livestream etwas Wunderbares! Und doch gibt es im Glauben und im Leben Dinge, für die du eine physische Begegnung brauchst.

Lies Kolosser 3,16; 1Thess 5,12-15; Heb 10,24-25

  1. Ermutigen, ermahnen, erziehen

Ermutigen

Manchmal brauchen wir jemanden an unserer Seite, der sagt: «Ich bin für dich da. Du schaffst das.» Wir brauchen die Leute, die uns unter die Arme greifen, wenn wir im Sumpf steckengeblieben sind. Diesen Punkt wird Jochen Volker in unserer Serie unter dem Stichwort «Hoffnung» vertiefen.

Ermahnen

Ermahnung haben wir meistens nicht gerne. Doch die Bibel erwähnt sie immer wieder, wenn es um das Zusammenleben geht. Wir brauchen Korrektur. Das soll auf eine ernsthafte, aber auch liebevolle Art geschehen. Wenn man merkt, dass der andere es gut meint, dann ist es viel einfacher, Ermahnung anzunehmen. Ein guter Trainer korrigiert, ein schlechter ignoriert die Fehler seiner Spieler.

Dazu gehört eine Kultur der Ehrlichkeit und auch der Selbstprüfung. Über viele Jahrhunderte war die Beichte ein normaler Teil des geistlichen Lebens. Wir haben das leider verlernt. Oft haben wir das Gefühl, wir können ja einfach Gott um Vergebung bitten – und das stimmt auch. Doch viele machen die Erfahrung, dass sich nach so einem inneren Bekenntnis vor Gott nicht viel verändert im Leben. Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu in seinem tollen Buch „Gemeinsames Leben“:

«Woran liegt es, daß uns oft das Sündenbekenntnis vor Gott leichter wird als vor dem Bruder? Gott ist heilig und ohne Sünde, er ist ein gerechter Richter des Bösen und ein Feind alles Ungehorsams. Der Bruder aber ist sündig wie wir, er kennt die Nacht der heimlichen Sünde aus eigner Erfahrung. Sollten wir nicht den Weg zum Bruder leichter finden als zum heiligen Gott? Steht es bei uns aber anders, so müssen wir uns fragen, ob wir uns mit unserm Sündenbekenntnis vor Gott nicht oftmals selbst getäuscht haben, ob wir nicht vielmehr uns selbst unsere Sünden bekannten und sie uns auch selbst vergaben? [...] Wer schafft uns hier Gewißheit, daß wir es im Bekenntnis und in der Vergebung unserer Sünden nicht mit uns selbst zu tun haben, sondern mit dem lebendigen Gott? Diese Gewißheit schenkt uns Gott durch den Bruder. Der Bruder zerreißt den Kreis der Selbsttäuschung.» [1]

Wenn wir unsere Sünde nur vor Gott bekennen, dann machen wir es uns oft zu einfach. Die Umkehr ist nur oberflächlich. Wir brauchen das Gegenüber, denn Gott will durch Menschen wirken. Auch bei der Vergebung. Wir müssen physisch hören, dass Gott uns vergibt. Wir müssen es hören von einem Mitmenschen, der uns auch verdammen könnte (zur Vertiefung: Mt 18,15-81; Joh 20,23; 1Joh 1,5-9). Darum mahnt Heb 10,25 auch: Trefft euch regelmässig mit anderen Christen! Ihr braucht diesen Spiegel. Doch viele wollen bewusst oder unbewusst ihr Spiegelbild nicht anschauen und meiden die Gemeinschaft. Sie werden viel von dem verpassen, was Gott für sie bereit hätte.

Erziehen

Das NT spricht da mehr von “lehren”. Aber ich habe gedacht, mit den drei Es kann man es sich besser merken: Ermutigung, Ermahnung und Erziehung. Mit Erziehung meine ich, dass wir immer wieder Leute brauchen, die uns im Glauben lehren und anleiten. Lehren meint nicht nur theoretisches Wissen, sondern praktisches Leben. Ein Beispiel: Jesus hat gesagt, das Wichtigste sei, Gott und den Nächsten zu lieben. Das ist nicht schwer zu verstehen. Um dir das zu merken, musst du nicht sechs Jahre in die Schule. Aber wie lebt man das im Alltag? Da wird es schwierig. Und da brauchen wir die Erfahrung der anderen. Wir müssen erzählen von unseren Herausforderungen, aber auch unseren Erfolgen.

Kurze Umfrage: Wer von euch ist zum Glauben an Jesus gekommen, weil ihm Jesus direkt begegnet ist? In einem Traum oder einer Vision oder so ähnlich. Und wer ist zum Glauben gekommen, weil Menschen dir von Jesus erzählt haben und dir den Glauben vorgelebt haben? Es ist sehr selten, dass Jesus Menschen direkt begegnet. Das gibt es. Aber meistens folgen wir ihm, indem wir dem Beispiel derer folgen, die vor uns diesen Weg gegangen sind. Und zum Glück gibt es noch den Heiligen Geist, der uns in jedem Moment leiten will. Doch auch der Heilige Geist wirkt ganz oft durch Menschen. Durch dich und mich.

Darum vor allem an die Älteren: Werdet geistliche Mütter und Väter! Übernehmt geistliche Verantwortung und geht weiter, was ihr mit Gott erlebt und gelernt habt. Paulus sagt es einmal so (1Korinther 11,1): «Folgt meinem Beispiel, wie ich dem Beispiel Christi!» Wir brauchen Menschen, die uns vorausgehen und uns den Weg zeigen. Kann man nicht versuchen, diesen Weg alleine zu finden? Natürlich, aber viele Umwege und Stürze kann man vermeiden, wenn man mit anderen Christen unterwegs ist.

  1. Fazit

Wenn wir Gott näherkommen wollen, dann brauchen wir andere Menschen. Wir brauchen Leute, die uns ermutigen, ermahnen und im Glauben erziehen. Und wir dürfen selbst zu Menschen werden, die andere ermutigen, ermahnen und erziehen.

Darum: Muss ich wirklich unter Leute gehen, um Gott zu begegnen? Nein, aber du wirst viel davon verpassen, was Gott mit dir vorhat. Nachhaltiges geistliches Wachstum kommt nicht aus Büchern oder Podcasts. Oft kommt es nicht mal aus dem Solo-Gebet und Bibellesen. Es entsteht dort, wo wir einander ermutigen, ermahnen und erziehen.

Zur Vertiefung

  • Teile mit anderen, wo du in deinem Glaubensleben ermutigt, ermahnt und erzogen worden bist.
  • Wer sind die Menschen, die dich heute ermutigen, ermahnen und erziehen? Wenn dir hier zu einem Stichwort niemand einfällt, dann mache dich auf die Suche nach jemandem.
  • Wen ermutigst, ermahnst und erziehst du? Wenn dir hier zu einem Stichwort niemand einfällt, dann mache dich auf die Suche nach jemandem.
  • Was ist für dich wichtig, damit du Ermahnung und Erziehung annehmen kannst?
  • Erlebst du deine Gemeinde als einen Ort der Ermutigung, Ermahnung und Erziehung? Falls ja: Wie zeigt sich das? Falls nein: Was kannst du beitragen, dass sich das ändert?
  • Was kannst du tun, damit andere den Wert der christlichen Gemeinschaft erfahren können?

[1] Bonhoeffer, Dietrich: Gemeinsames Leben. Bd. 61. Theologische Existenz heute. München: Chr. Kaiser, 1939, S. 80.

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