Das Herz Christi
Serie: Das Herz Christi | Bibeltext: Matthäus 11,28-29
Ich möchte euch in ein Geheimnis einführen. Habt ihr gewusst, dass es in den vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, genau eine Stelle gibt, wo Jesus über sein Herz spricht?
Wir finden in den Evangelien viel darüber, was Jesus gelehrt hatte. Wir lesen über seine Geburt, seinen Dienst, und seine Jünger. Wir erfahren, wo er unterwegs war und wie er gebetet hat. Wir lesen seine langen Reden, und wie er die Zuhörer zurechtgewiesen hatte, und wie er dann die Leute weiter lehrte. In allen vier Evangelien wird uns über seine hinter rückse Verhaftung, seinen schändlichen Tod und die wundersame Auferstehung berichtet, und darüber wurde schon viel gepredigt. Gerade jetzt, wo wir auf Ostern zu gehen.
Doch es gibt nur eine Stelle, wo Jesus über sein Herz spricht – vielleicht die wunderbarsten Worte von Jesus, die wir je gehört haben:
Kommt zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig [im Herzen]; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Matt 11,28-29
Wie ihr mich kennt, arbeite ich mit der Zürcher Bibel, und die lässt die Worte «im Herzen» aus. Aber im Griechischen heisst es wörtlich «ich bin sanft und demütig im Herzen».
Jesus gibt uns hier also einen Einblick in sein Herz, in den Kern seines Wesens, wer er wirklich ist. Und zu unserem Erstaunen wird da nicht gesagt, dass Jesus streng und fordernd ist. Und auch nicht, dass er im Herzen erhaben und ehrwürdig ist. Uns wird definitiv auch nicht gesagt, er sei in seinem Herzen glücklich und grosszügig. Zu unserer Überraschung sagt Jesus über sich selbst, dass er in seinem Herzen «sanft und demütig» ist.
Jetzt müssen wir aber noch etwas klären, gell. Wenn die Bibel vom Herz spricht, dann geht es hier nicht nur ums Zentrum der Emotionen, sondern es geht ums Zentrum von allem, was wir tun. In der Bibel ist das Herz das, was uns dazu bringt am Morgen aufzustehen, und auch das, was uns bewegt, wenn wir träumen.
Es ist das Zentrum unserer Motivation. Biblisch gesehen ist das Herz nicht einfach ein Teil von uns, sondern es ist, wer wir sind. Das Herz definiert und steuert uns. Genau darum sagt uns Salomo in den Sprüchen, «Mehr als auf alles gib acht auf dein Herz, denn aus ihm strömt das Leben.» (Spr 4,23). Aus dem Herz strömt das Leben. Das Herz ist was unser Leben ausmacht. Es macht uns zu Menschen. Das Herz treibt unser Leben voran. Es ist, wer wir sind.
Und wenn Jesus uns hier sagt, was ihn tief da drinnen (im Herzen) antreibt – wenn er uns tief in sich hineinschauen lässt, was finden wir da? Sanft und demütig. Wer hätte das von unserem Erlöser erwartet?!
«Ich bin sanft…»
Das griechische Wort, das hier mit «sanft» übersetzt wird, kommt im Neuen Testament lediglich 3x vor. In der Bergpredigt werden es die Sanftmütigen sein, die das Land erben werden (Matt 5,5). In Matthäus 21,5 finden wir eine Prophetie aus Sacharja, die auf Jesus angewendet wird. «Siehe, dein König kommt zu dir, sanft, und auf einem Esel reitend“. Im 1. Brief von Petrus sagt er zu den Frauen, «euer Schmuck sei vielmehr der verborgene Mensch des Herzens, der sich im unvergänglichen Wirken des sanftmütigen und stillen Geistes zeigt» (1. Pet 3,4). Jesus ist kein Haudegen, kein Draufgänger, keiner der wild um sich fuchtelt, und dünne Nerven hat. Er ist der verständnisvollste Mensch im Universum. Er ist nicht einer, der mit dem Finger auf andere zeigt, sondern einer, der offene Arme hat.
«…und demütig…»
Das Wort «demütig» sagt uns etwas übers Herz von Jesus. Wir finden das Wort z.B. auch in Jakobus 4,6, «Gott widersetzt sich den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade.“ Meistens wird das griechische Wort für «Demut» nicht für eine Tugend gebraucht, sondern für die Not der Menschen, für diejenigen, die untendurch müssen, z.B. in den Psalmen – natürlich in der griechischen Version des AT. Als Maria schwanger ist, singt sie ein Lied, wo es z.B. heisst, «Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht» (Lk 1,52). Aber auch Paulus braucht das Wort, wenn er uns sagt, «richtet euren Sinn nicht auf Hohes, seid vielmehr den Geringen zugetan» (Rom 12,16). Er spricht hier von jenen, die in der Gesellschaft am Rande stehen, jene, für die das Leben keine Party ist, sondern jene, die wenn sie an eine Party kommen, dann wird geflüstert.
Wenn Jesus sagt, dass er demütig ist, dann sagt er damit, dass er zugänglich ist. Neben seiner strahlenden Herrlichkeit und fantastischen Heiligkeit, seiner höchsten Einzigartigkeit und Andersartigkeit war niemand in der Geschichte der Menschheit jemals so zugänglich wie Jesus. Keine Bedingungen und auch keine Hürden, die man überwinden muss. Einer hat mal gesagt: «Nichts hat die Jünger mehr geprägt als der Eindruck, dass Jesus in seinem Auftreten edle Demut zeigte.»[1] Es ist einfach, von Jesus umarmt zu werden; das Einzige, was es braucht, ist, dass wir uns öffnen. Das ist alles, was es braucht. Eigentlich ist es das Einzige, womit Jesus etwas anfangen kann. Vers 28 im Matthäus 11 sagt ausdrücklich, wer in die Gemeinschaft mit Jesus aufgenommen wird, «alle Geplagten und Beladenen». Du musst nicht zuerst deine Last loswerden oder dich irgendwie zusammennehmen, um dann zu Jesus zu kommen. Das Zugangsticket zu Jesus ist eben gerade unsere Last.
Es kostet nichts; er sagt, «Ich will euch erquicken», «…ich will euch Ruhe geben.» Diese Ruhe ist ein Geschenk, keine Aktivität. Ob du aktiv daran bist, dein Leben in Ordnung zu bringen, oder ob du gerade passiv bist, weil du unter Druck bist. Ob du hart arbeitest oder vielleicht alles gerade ausser Kontrolle ist, Jesus möchte dir Ruhe schenken. Er möchte dich aus dem Sturm ziehen, ja sogar aus deinem eigenen Sturm.
Sanft und demütig. Das ist das Zeugnis von Jesus, das ist das Herz Christi. So ist Jesus: Herzlich, offen, einladend, entgegenkommend, verständnisvoll, bereit. Wenn wir zusammenfassen sollten, wer Jesus ist, dann wäre es «sanft und demütig». Wenn Jesus eine Homepage hätte, dann würde es unter «über mich» heissen: Sanft und demütig.
Da müssen wir noch etwas klären: Jesus ist nicht zu allen grundlos so. Er ist so für die, welche zu ihm kommen, die sein Joch auf sich nehmen, die ihn um Hilfe bitten. Gerade im Abschnitt vorher sagt Jesus, wie er mit denen umgeht, die keine Reue zeigen. «Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! (…) Dem Land Sodom wird es am Tag des Gerichts besser ergehen als dir.» (Matt 11,21+24) «Sanft und demütig» bedeutet nicht «weicheier-frivol».
Aber jenen, denen es leidtut, für die ist sein Herz offen, egal welche Sünden, Schwächen, Unsicherheiten, Zweifel, Ängste oder Misserfolg wir mitbringen. Gell, sanftmütig ist nicht etwas, das Jesus hie und da mal ausmachte. Er ist die Demut in Person. Das ist sein Herz. Für Menschen, die ihn brauchen, kann er nicht anders. Genauso wie wir unsere Augenfarbe nicht ändern können. Jesus ist einfach so.
Ich weiss nicht, ob es dir schon aufgefallen ist, aber Christen sind geben sich Mühe und geben ihr Bestes (1. Kor 15,10; Phil 2,12-13; Kol 1,29).[2] Jesus war an diesem Punkt auch klar (Matt 5,19-20; 18,8-9). Da im Matthäus 11 verspricht Jesus «Ruhe für die Seele,» und nicht «Ruhe für den Körper». Wo wir uns auch einsetzen, alles soll aus einer Beziehung mit dem lebendigen Christus fliessen, der auf eine göttliche Art «sanft und demütig» ist. Das ist das, was mich bei Jesus immer wieder packt, und mir eine unglaubliche Freude gibt. Da dürfen wir uns immer mehr hineingeben, denn das ist der Kern vom Neuen Testament. Nur wenn wir immer wieder von der Freundlichkeit aus dem Herz Christi erfüllt werden, können wir dorthin kommen, wo wir die Duftnote vom Himmel hinterlassen. Und wenn der Tag kommt, wo wir abtreten müssen, dann können wir mit unserem Blick auf diese Freundlichkeit von Jesus diese Welt noch einmal wachrütteln. Gell, das, was wir bei Jesus bekommen, kann man nicht einsperren.
Und genau diese Freundlichkeit kommt uns im Text entgegen.
In Vers 30, gerade anschliessend, heisst es, «Mein Joch ist leicht» (ZB – vereinfacht). Jesus sagt uns nicht, dass wir ein Leben ohne Schmerzen und Einschränkung haben werden. Das griechische Wort hinter «leicht» ist dasselbe, dass wir z.B. in Eph 4,32 finden: «Seid aber untereinander freundlich und herzlich“ (LU – siehe auch Röm 2,4) Was sagt Jesus mit dem Joch genau? Ein Joch ist eine schwere Querstange, die auf Ochsen gelegt wird, ums sie zu zwingen, landwirtschaftliche Geräte auf dem Feld zu ziehen. Was Jesus hier sagt, ist ironisch gemeint; das Joch auf seinen Jüngern ist nicht wirklich ein Joch. Denn es ist ein Joch der Güte und Freundlichkeit. Wer könnte dem schon widerstehen?
Es ist wie wenn wir wissen, wir müssen in einen wilden Fluss springen, und jemand bietet uns eine Schwimmweste an, und wir nehmen sie nicht. Und dann später liest man in der Zeitung von einem Ertrunkenen.
Sein Joch ist freundlich und seine Last ist leicht. Bedeutet, das Joch ist nicht wirklich ein Joch, und die Last ist nicht wirklich eine Last. Jesus ist für uns wie Helium für ein Ballon.
Wir werden von seiner endlosen Sanftmut und äusserst einfachzugänglichen Demut getragen.
Er kommt nicht zu uns in unsere Not; er lebt mit uns am Ort von unserer Not. Er wird nicht müde, uns liebevoll zu umarmen. Es ist sein Herz. Das ist es, was ihn dazu bringt, am Morgen aus dem Bett zu kommen.
Wenn ich am Anfang von dieser Predigt eine Umfrage gemacht hätte, was euch als erstes in den Sinn kommt, wenn ihr an Jesus denkt, dann wäre es wahrscheinlich nicht sein Herz gewesen.
Für diese Predigt wurde ich von Thomas Goodwin inspiriert. Er hat mir geholfen in das Thema reinzukommen. Hier ist was, er dazu sagt:
Wir neigen zu denken, dass er, da er derart heilig ist, gegen Sünder eher streng und hart eingestellt und nicht imstande ist, sie zu ertragen. Nein entgegnet er, «ich bin sanftmütig», mein Wesen und meine Gesinnung zeichnen sich durch Sanftmut aus.[3]
Wir projizieren auf Jesus instinktiv das, wie wir meinen, die Welt funktioniere. Die menschliche Natur gibt uns vor, dass je wichtiger eine Person ist, desto mehr schaut er auf die anderen hinunter. Je schöner eine Person ist, desto mehr ekelt sie das hässliche. Und ohne es zu merken, meinen wir, dass einer, der so krass erhöht und erhaben ist, der würde sich doch niemals mit etwas so Abscheulichem und Unreinem abgeben. Jesus würde wahrscheinlich schon zu uns kommen, aber er würde die Nase zu halten. Der auferstandene Christus – ich meine, der ist doch von Gott so hoch erhoben worden, dass sich eines Tages jedes Knie sich vor ihm beugen muss (Phil 2,9-11). Das ist doch der, wo Flamen aus den Augen kommen, und der bei dem die Stimme, wie wilde Wasser dröhnt, und aus seinem Mund kommt ein zweischneidiges Schwert, und sein Gesicht strahlt wie die Sonne – so steht es doch in der Offenbarung 1,14-16. Ich meine, Jesus ist doch so gewaltig und überwältigend, dass man es gar nicht in Worte fassen kann. Seine Majestät verschlägt uns doch die Stimme.
Doch wenn wir in Matthäus 11 in sein Herz schauen, dann ist er zuerst einmal sanft und demütig.
Goodwin sagt in seinem Buch, übrigens 1651 veröffentlicht, dass dieser hocherhabene und heilige Christus, mit keiner Wimper zuckt, wenn er zu uns kommt und uns dreckige Sünder und elenden Leidenden berührt. Er liebt es, uns sanft zu umarmen. Er kann sich nicht zurückhalten. Wir meinen Jesus würde so zu uns kommen, wie wenn jemand zum ersten Mal eine Tarantula berührt. Bei meinem Sohn in der Schule haben sie kürzlich eine Tarantula in die Hand nehmen dürfen. Ich meine, wer würde das schon machen?! Das ist doch eklig. Sobald du sie berührst, ziehst du deine Hand wieder zurück – verziehst dein Gesicht. Wer würde schon eine Tarantula in seine Hand nehmen wollen? Und genauso denken wir, muss es für Christus sein, wenn er zu uns kommt.
Deshalb brauchen wir die Bibel. Unsere eigene Vorstellungskraft kann uns nur einen Gott geben, der so ist wie wir. Doch der Gott, der uns in der Bibel offenbart wird, überrumpelt unsere intuitiven Neigungen und überrascht uns mit einer unglaublichen Vollkommenheit – die dazuhin noch von seiner unendlichen Sanftmut übertroffen wird. Ja, Jesus ist so vollkommen, dass ihn seine vollkommene Sanftmut übertrifft.
So ist er. Das ist sein Herz. Jesus selbst hat es so gesagt:
Kommt zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. (Matt 11,28-30)
[Kurze Gedankenpause]
Herr Jesus Christus,
wir kommen zu dir, so wie wir sind –
mit allem, was uns belastet,
mit dem, was wir gut gemacht haben,
und mit dem, was wir bereuen.
Danke, dass dein Herz nicht hart ist,
sondern sanft und demütig.
Danke, dass wir bei dir nicht zuerst leisten müssen,
sondern einfach kommen dürfen.
Du siehst, wo wir müde sind,
wo wir kämpfen,
wo wir vielleicht an uns selbst verzweifeln.
Genau da begegnest du uns –
nicht mit Druck, sondern mit Ruhe,
nicht mit Vorwürfen, sondern mit offenen Armen.
Hilf uns, dir wirklich zu vertrauen.
Wir wollen dir unser Leben anvertrauen,
all das, worin wir stark sind,
aber auch unsere Schwächen und unsere Lasten.
Herr, wir wollen von dir lernen
Zeig uns, wie wir im Umgang miteinander sanft sein können,
und demütig, auch wenn wir an uns selbst denken.
Und dort, wo unser Herz hart geworden ist,
da forme du es neu –
nach deinem Herzen.
Danke, dass dein Joch uns nicht runter drücken möchte;
deine Last leicht ist.
Danke, dass wir bei dir Ruhe finden dürfen
Ruhe für unsere Seele.
Dir wollen wir uns anvertrauen.
Amen.
[1] B.B. Warfield, The Person and Work of Christ. Oxford, UK: Benediction Classics, 2015, S. 140.
[2] …mehr als sie alle habe ich gearbeitet… (1. Kor 15,10)
Wirkt nun weiterhin mit Furcht und Zittern auf eure eigene Rettung hin! (…) Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, (Phil 2,12-13)
Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in seiner Kraft, die mächtig in mir wirkt. (Kol 1,29 – LU)
[3] Goodwin, Thomas. Das Herz Christi. Waldems, D; 3L Verlag, 2023, S. 58. Ursprünglich veröffentlicht 1651.
