Ein Tanz zwischen Wirken und Mitwirken
Serie: Kirche als Ort der Hoffnung | Bibeltext: Markus 4,26-29
Hoffnung hält die Gegenwart nicht für das letzte Wort. Christliche Hoffnung lebt im Noch-nicht, gründet in dem, was Jesus bereits getan hat, empfängt ihre Kraft
von Gott und erwartet seine kommende Vollendung. Röm 8,24; Petr 1,3; Röm 15,13; Offb 21
Doch Hoffnung ist nicht nur etwas für irgendwann. Wo Gottes Reich Gestalt annimmt, wird sie schon heute real und erlebbar. Die Geschichte der Kirche Neuwies zeigt: Gott wirkt oft anders und überraschender, als wir es erwartet haben.
Erlebnisbericht: Kirche Neuwies [Videoclip]
Es gab eine Zeit, in der die Zukunft der Kirche Neuwies düster aussah. Die Gemeinde hatte kein Nachwuchs und war finanziell belastet. Fast ein Jahrzehnt wurde treu für Kidstreff-Kinder gebetet, ohne dass welche dazukamen. Stattdessen kamen junge Erwachsene, Paare heirateten und bekamen Kinder. Erst nach und nach wurde klar: Gott beantwortete das Gebet – einfach anders.
Heute sind an einem normalen Sonntag über dreissig Kinder im Haus. Diese Hoffnungsgeschichte ist Grund zu grosser Freude & Dankbarkeit. Gleichzeitig kommt eine neue Frage auf: Was wird aus Hoffnung, wenn sie Realität geworden ist? Wie sieht Treue in diesem Stadium aus?
Bibeltext – Markus 4,26-29
Das Gleichnis vom wachsenden Samen in Markus 4,26–29 hilft, diese Geschichte zu verstehen. Ein Mann sät, lebt seinen täglichen Rhythmus, sieht den Samen wachsen, ohne zu wissen wie, und erntet, sobald die Frucht reif ist.
➔ Lies den Bibeltext
1. Ein Tanz zwischen Gottes Wirken und unserem Zutun
Das Gleichnis erteilt einfachen Antworten eine Absage. Die einen sagen: Wenn wir nur mehr beten und dem Heiligen Geist mehr Raum geben würden, käme alles gut. Andere meinen: Wenn wir nur konsequenter planen, anpacken und die biblischen Aufträge umsetzen würden, würde es gelingen. Beides greift zu kurz. Jesus zeichnet hier weder Passivität noch menschliche Machbarkeit, sondern einen Tanz zwischen Gottes Wirken und unserem Zutun.
Der Mensch sät: Das Säen wird im Gleichnis ganz selbstverständlich dem Menschen zugeordnet. Dass der Bauer nachher «schläft», bedeutet nicht, dass er nichts mehr tut. Das Gleichnis zeichnet einen wiederkehrenden Lebensrhythmus: Hier gilt es, treu das zu tun, was ihm zugeordnet ist: gute Bedingungen schaffen. Gott schenkt Wachstum: Die Erde bringt «von selbst» Frucht. Das griechische Wort automátē bedeutet selbsttätig ohne menschliches Zutun.
Das Wachstum ist nicht ursachenlos – aber seine Ursache liegt nicht beim Menschen (Vgl. Apg 12,10). Wir sind beteiligt, doch wir sind nicht die Quelle des Lebens. Gottes Reich hängt nicht an unserer Fähigkeit, Ergebnisse zu produzieren.
Der Mensch erntet: Am Ende wird der Bauer wieder aktiv. Sobald die Frucht es zulässt, legt er die Sichel an. Damit reagiert er angemessen auf das, was gewachsen ist.
Es ist ein Tanz mit ungleiche Tanzpartner: Gottes Wirken besitzt das entscheidende Gewicht, und trotzdem braucht es unser Mitgehen. Wie beim Tanzen macht es einen grossen Unterschied, wer führt. Wenn Gott führt und wir uns mitnehmen lassen, entsteht etwas, das wir selbst nicht hervorbringen könnten. Gleichzeitig: Wenn wir uns völlig verweigern können wir den Tanz auch zerstören. Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen: Treue statt Daueraktivismus: Treue bedeutet
nicht, möglichst viel zu tun, sondern sich führen zu lassen. Der Bauer schläft und steht wieder auf. Das Wachstum hängt nicht von seinem ununterbrochenen Wachsein ab. Kirche muss nicht alles anbieten und kontrollieren. Wir brauchen einen Rhythmus von Handeln und Loslassen. Darum die Frage:Was ist gerade wirklich unser Teil? Und wo versuchen wir, etwas zu übernehmen, das nicht «dran» ist? Mitgehen trotz Nichtwissen: Wir müssen nicht bis ins letzte Detail wissen, «wie» Gott sein Ziel erreicht. Unser Nichtwissen entbindet uns aber nicht davon, angemessen mitzutanzen. Wenn wir einen Schritt verpassen, ist nicht alles für immer verloren. Gott führt uns in dieser lebendigen Dynamik wieder an wichtigen Punkten vorbei. Es ist ein Tanz – kein starres Vier-Punkte-Programm.
2. Gottes Wirken kennt Wachstumsstadien Jesus beschreibt eine Wachstumsfolge: zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn. Gott könnte die reife Frucht über Nacht entstehen lassen. Trotzdem entscheidet er sich oft dafür, innerhalb einer Wachstumslogik zu wirken. Seine Arbeit kennt Zwischenstadien, und die nächste Phase lässt sich nicht durch Ungeduld erzwingen. Ein Zwischenstadium sieht noch nicht unbedingt, wie das Ziel aus – genauso wie die jungen Paare und Babys anfangs noch nicht wie die erbetenen Kidstreff-Kinder wirkte. Nicht zu früh urteilen: Manchmal sieht eine Gebetserhörung zunächst noch gar nicht wie eine Gebetserhörung aus. Ein Halm ist noch keine Ähre, aber er ist auch kein Fehlschlag. Wer Zwischenstadien mit dem Massstab der reifen Frucht beurteilt, resigniert vorschnell. Jede Phase hat ihre eigene Gestalt Damit Hoffnung lebendig bleibt, muss unsere Reaktion mit dem wachsen, was Gott tut. Darum brauchen wir eine passende Messlatte.
Wer nur fragt: «Ist schon Frucht da?» oder «Ist das Gebet erhört?», kann lediglich Ja oder Nein sagen. Viel hilfreicher sind Fragen wie: Welcher Weg ist erkennbar? Was geschieht gerade? Was braucht noch Zeit und was ist jetzt reif? Solche Fragen helfen uns, Gottes Wirken in seinen verschiedenen Stadien wahrzunehmen.
3. Reife verlangt eine neue Form von Treue
Was gestern hoffnungsvolles Warten war, kann heute zu passivem Abwarten werden. Der Bauer kann die Reife nicht herstellen. Wenn sie aber da ist, reagiert er unverzüglich – nicht hektisch oder unüberlegt, sondern zur richtigen Zeit. Paulus schreibt: «Was einer schon hat und sieht, darauf braucht er nicht mehr zu hoffen» (Römer 8,24 HFA). Wenn Hoffnung sich erfüllt, wird das Erhoffte zum Empfangenen – und das Empfangene wird zur anvertrauten Verantwortung.
An diesem Punkt steht die Kirche Neuwies. Eine nächste Generation ist da. Das bedeutet nicht, dass wir fertig sind oder uns auf der Gebetserhörung ausruhen können. Die Kinder werden schnell zu Teenagern. Früher lautete das gemeinsame Gebet: «Herr, schenke uns Kidstreff-Kinder.» Heute kann es lauten: «Herr, zeig uns, wie wir diese Generation so begleiten, dass sie selbst den Glauben ergreift.» Unsere neue Frage heisst: Wie sieht in dieser Phase hoffnungsvolles Investieren aus?
Der Traum für die nächste Generation: Kinder & Jugendliche sollen nicht nur sagen, dass sie in der Kirche Neuwies aufgewachsen sind. Sie sollen sagen können: Hier ist mein Zuhause. Hier habe ich Jesus kennengelernt. Hier wurde der Glaube zu meinem Glauben. Meine Fragen haben Platz, meine Gaben werden gebraucht und ich darf Verantwortung übernehmen. Dazu braucht es eine Kirche, in der die nächste Generation nicht einfach mitläuft, sondern gesehen, begleitet und befähigt wird. Die Generationen ersetzen einander nicht, sondern ergänzen und stärken sich: Die Älteren trauen den Jüngeren etwas zu, und die Jüngeren schätzen das geistliche Erbe, bauen darauf auf und geben es später selbst weiter. Wenn wir uns als ganze Kirche betend und handelnd in diesem Traum vereinen, beginnt der Tanz von Neuem – und eine weitere Hoffnungsspur kann reif werden.
Zusammenfassung
1. Gottes Hoffnungswirken sucht Resonanz mit meiner Reaktion.
2. Es ist ein Tanz zwischen Seinem Wirken und unserem Zutun.
3. Wir brauchen die richtige Messlatte für das, was Gott gerade wachsen lässt.
4. Wenn etwas reif geworden ist, verlangt Treue oft eine neue Form von Reaktion.
Vertiefungsfragen
1. Wo ist in deinem Leben oder in unserer Kirche gerade Säen, Pflegen, Loslassen oder Ernten dran?
2. Welches Zwischenstadium könntest du vorschnell als Fehlschlag beurteilen? Welche Zeichen von Wachstum erkennst du bereits?
3. Wo ist hoffnungsvolles Warten inzwischen zu passivem Abwarten geworden? Welche Reaktion wäre jetzt angemessen?
4. Wie kannst du konkret dazu beitragen, dass die nächste Generation gesehen, im Glauben begleitet und zu Verantwortung befähigt wird?
