Gibt es im Gilead keinen Balsam?

Datum: 10. August 2025 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Jeremia 8,18-23

Eine Freundin von Katja und mir hat erst spät geheiratet und war überglücklich, dass sie endlich die Liebe ihres Lebens gefunden hat. Sie haben zusammen viel unternommen, und dann wurde sie krank mit einer mysteriösen Krankheit, so dass sie schlussendlich nicht mehr arbeiten konnte und chronisch müde war. Sie musste sich dann bei der IV melden, und die hatten ihr gesagt, sie simuliere nur. Ihr Mann, der uns das später erzählte, sagte, das war für ihn das Menschen Unwürdigste, dass er je erlebt hatte. Sie mit dem Zug etwa eine Stunde entfernt von Zürich und mussten für diese Befragung bei der IV extra ein Hotelzimmer nehmen und nach der Befragung war sie für mehrere Tage wieder im Bett. Unsere Freundin arbeitete in der Apotheke und sie versuchte alles, um wieder Energie zu bekommen, um den Alltag bewältigen zu können. Doch sie kam irgendwann zur Erkenntnis, „es gibt kein Mittel, dass mir helfen kann.“ Sie hatte manchmal Tage, wo sie wenigstens aus dem Bett kam, und das Frühstück essen konnte, aber es ging leider immer mehr bergab, und sie verbrachte dann mehrere Jahre einfach in der dunkeln Wohnung. Für ihren Mann, der sich eigentlich gefreut hatte, mit ihr auf Reisen zu gehen, war das nicht einfach. Einmal kam er uns auf dem Campingplatz besuchen, und wir fragten ihn, was ist mit deiner Frau passiert? Und er sagte so etwas wie, „Sie ist vom Reich der Gesunden ins Reich der Kranken übergegangen. Sie lebt jetzt in einer anderen Welt. Menschen mit einer chronischen, ernsthaften, und unheilbaren Krankheit machen einen Übergang in eine andere Welt. Eine Welt, wo die Zeit anders läuft, die Emotionen anders wahrgenommen werden, Intimität anders gelebt wird, und das Essen anders schmeckt, ja sogar Geräusche werden anders gehört. Dem sage ich, das Reich der Kranken.“

Das Reich der Kranken. Hast du dort auch schon Zeit verbracht? Vielleicht mit einem Familienmitglied, oder auch selbst. Da läuft die Zeit anders, das Essen schmeckt ganz anders und die Gefühle werden anders wahrgenommen. Die Schwelle vom Reich der Gesunden zum Reich der Kranken ist voll gespickt mit schwierigen Emotionen, unglaublichem Kopfweh, ständigem Durchfall, und komischen Hautauswüchsen, einem Druck auf der Brust, und einem unglaublichen Schwindel. Im Hinterkopf ständig die Angst, dass das alles nicht ganz so einfach wird, ja vielleicht wird es sogar noch schlimmer, und vielleicht werden wir am Schluss gar nicht mehr die gleichen Menschen sein.

Und dann kommen negative Gedanken, „Ich will keine Last sein“, „Ich bin ein nervliches Wrack“,
„Ich bin ein Loser“. Wir kämpfen gegen Schmerzen und Angst, oder sogar noch mehr, wir kämpfen gegen das Reich der Kranken, weil wir nicht dort sein wollen. Weil dort verliert man die Kontrolle, so was, wie tot unter den Lebendigen.

Das ist die Schwelle, an der der Prophet Jeremia in Kapitel 8 steht. Sein Volk rutscht im 6. Jh. v. Chr. immer mehr ins Wildwasser von Niederlage, Invasion, Demütigung und Exil. Er sieht, was sich da zusammenbraut: Die Armeen sind schon da, das Volk tschäggt immer noch nicht, um was es geht, die Schlacht ist verloren, der Untergang von Jerusalem ist nur noch eine Frage der Zeit. Das Ganze läuft nur noch in eine Richtung: Judah ist am Sterben. Der Traum vom verheissenen Land ist bald aus und vorbei. Jeremia ist am Boden zerstört. In Kapitel 8,18-21 sagt er dann:

Unheilbar steigt Kummer in mir auf! Mein Herz ist krank in mir. (V18 ELB)
Die Ernte ist vorbei, die Sommerernte zu Ende, und wir sind nicht gerettet worden. (V20 ZB)
Über dem Zusammenbruch der Tochter meines Volks bin ich zerbrochen. Ich trauere, Entsetzen hat mich ergriffen. (V21)

Anders gesagt, ich kann nicht mehr so tun, als ob am Schluss alles schon noch gut wird.

Ich mag mich noch gut erinnern, als ich einen guten Freund besuchen ging, der Leukämie hatte und am Schluss die Diagnose unheilbar bekam. Als ich ihn im Spital besuchte, sah er schlimmer aus, als ich mir das vorgestellt hatte. Er hatte den gleichen Jahrgang wie ich, und ich war noch ein junger Mann. Die ganze Familie wurde erfasst vom Unfassbaren. Seine Schwester war eine gute Kollegin von mir, und im Gespräch wurde uns allen immer mehr klar. Wir beten hier für Heilung, doch was bringt das überhaupt noch? Und als ich bei ihm Spital war, schenkte ich ihm eine Karte mit einem Abschnitt aus dem Buch Klagelied. Und dann kurz später starb er. Wir konnte es fassen, dass er ins Reich der Kranken gerutscht war – und noch weniger, dass er nie mehr zurückkommen würde.

Das ist der Punkt, wo wir Jeremia begegnen. Die brutale Wahrheit von der Sonne scheint ihm ins Gesicht, wie ein Sonnenuntergang. Es ist hart, sehr hart. Er verliert nicht nur seine Stadt, sein Volk und seine Zukunft. Alles, was Jeremia ausmacht, ja sogar Gott selbst, ist in Jerusalem. Der Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, alles hängt mit dem verheissenen Land zusammen. Er hat Angst, dass sein geliebtes Jerusalem verliert, ja am Schluss sogar noch Gott selbst. Er ist ein Mensch, der am Untergehen ist, und er hält sich einfach noch am Rand vom Boot fest, und kommt am Schluss zur Erkenntnis, ich kann nur noch loslassen, und werde von den Wellen verschluckt.

Jetzt kommen die Fragen, Vers 19:

Ist der Herr nicht mehr in Zion? (V19a)

Ist sein König nicht mehr in Zion?! (V19b)

Das ist doch eine Ohrfeige für Gott! Jeremia ist entsetzt, Vers 20:

Die Ernte ist vorbei, die Sommerernte zu Ende, und wir sind nicht gerettet worden. (V20)

Was sollen wir aus dem lernen?! Das ist doch ein Witz! Das Ganze läuft aus dem Ruder. Und dann die berühmten Worte:

Gibt es im Gilead keinen Balsam? (V22a)

Und gibt es dort keinen Arzt? (V22b)

Gilead ist die Gegend am östlichen Ufer des Jordan. [Frage:] Können wir nicht über den Jordan gehen, und dort jemanden finden, der dieses Problem lösen kann? Es muss doch jemanden geben, der uns retten kann! Einer, der diese Situation wieder zurechtbiegen kann. Wir brauchen einfach jemanden, der uns sagt, „Ihr könnt aufwachen, es war alles nur ein schlechter Traum.“

So fühlt es sich an, wenn wir zuschauen müssen, wie ein Mensch, den wir lieben langsam vergeht. Da geht man durch verschiedene Stadien von Auf und Ab, ums Ganze zu verstehen, korrigieren und irgendwie einzuordnen. Jeremia muss zuschauen, wie Jerusalem untergeht und kommt sich vor, wie Eltern, die hoffnungslos zuschauen müssen, wie ihr Kind stirbt. Ein absoluter Albtraum, wo alles auslöscht, was das Leben lebenswert, schön und echt macht.

Ein Roman von Peter DeVries beschreibt, die Suche von Don Wanderhope. „Wanderhope“ ist ein Typ der zuversichtlich durchs Leben geht. Doch auf der Wanderung durchs Leben, da verliert er zuerst seinen Bruder, dann seine Frau und schlussendlich, langsam und schmerzhaft, merkt er, dass seine einzige Tochter, Carol mit 11 Jahren, an Leukämie sterben wird. Der Don muss dann zuschauen, wie Carol vor sich hinstirbt, so wie Jeremia, der zuschauen muss, wie Jerusalem an die Kaldäer ausgeliefert wird. Er geht durch eine ähnliche Achterbahn von Emotionen. Und dann ist der Don „Wanderhoffnung“ mit seiner Tochter im Kinderspital und sieht die anderen Kinder. Viele von denen sind noch schlimmer dran als seine Tochter. Er wird dann richtig wütend auf Gott, und sagt, „Gott ist doch wie Herodes, der in der Weihnachtsgeschichte alle unschuldigen Kinder umbringt.“

Doch der Don möchte positiv bleiben, und sagt einmal zu einem anderen Vater im Spital, die Forschung gibt den Kindern immer wieder die Chance – das gab es vor 10 Jahren noch nicht. Aber der andere putzt ihn ab. «Dann wird der Tod durch Leukämie einfach zum Bummelzug anstatt zum Intercity. Gleiche Strecke, einfach mehr Haltestellen. So ist das mit der Medizin. Die Medizin ist doch nur die Kunst, die Trauer zu verlängern.» Was für ein Hammer! Kein Balsam im Gilead.

Die 11jährige Carol ist nur für kurze Zeit im Reich der Kranken, doch das für immer. Das ist Roman aus den 60er Jahren. Was heute anders wäre, ist, dass Don einfach stundenlang im Internet nach irgendeiner schlauen Behandlung suchen würde, die die Ärzte vielleicht nicht beachtet haben. Und Carol würde vielleicht über Instagramm ihren Freunden der Schulklasse regelmässig Updates geben. Eine unerträgliche Tragödie! Dann gibt es unverhofft eine Wende. Carol erholt sich, und Don erlebt die glücklichsten Tage seines Lebens. Und Don entdeckt nochmals die Freude vom Alltag. Er kann seiner Tochter vor dem Einschlafen Geschichten vorlesen, ohne, dass er am Schluss traurig sein muss, weil er nicht weiss, ob dies das letzte Mal sein würde. Sie spielen am Abend zusammen Spiele und lachen, oder geniessen einfach zusammen ein Cola. Es gibt also doch noch Balsam im Gilead. Doch dann kehrt die Geschichte wieder. Die nächste Untersuchung zeigt im Labor, dass der Wert der weissen Blutkörper gestiegen ist, und Don fällt wieder in ein Loch. Plötzlich ist die Zukunft wieder Vergangenheit.

Das ist der Kummer von Eltern, wenn sie erleben müssen, wie ihr Kind multimorbid wird. Viel Auf und Ab, und man weiss nie, was um den nächsten Rank auf einen wartet. Ein Kollege von mir ist Spital Seelsorger und er hat einmal eine Frau begleitet. Ihr Freund war 43 und brauchte dringend eine Lebertransplantation. Die junge Frau ging dann völlig surreal auf jede Person zu und fragte, «Brauchen sie ihre Leber noch?» Die Leute schauten sie dann nur komisch an. «Na klar.» «Wissen sie mein Freund muss sterben, wenn nicht bald eine Lebertransplantation bekommt.»

Gibt es im Gilead Balsam? Gibt es Hoffnung, wenn jemand unheilbar krank ist? Was sagst du jemandem, der unheilbar krank ist? Was sagst du den Angehörigen? Jeremia legt jetzt, noch einen obendrauf. Seine Serie von Fragen, seine Suche nach Heilung endet am Schluss in Tränen. Vers 23:

Auf Hochdeutsch: Dass doch mein Haupt zerflösse und mein Auge zur Tränenquelle würde, dann wollte ich Tag und Nacht weinen um die Erschlagenen der Tochter meines Volks! (V23)

Habt ihr es bemerkt? Da im Vers 23 hat es eine Überraschung drin. Wer ist derjenige der Tränen vergiesst? Die Frage, „Gibt es im Gilead keinen Balsam?“ kommt von Jeremia, doch die Tränen, die dann kommen vom Wort Gottes. Dieser Abschnitt beginnt nämlich im Vers 4 mit „So spricht der Herr“, und wenn man das genau liest, dann ist da die Rede von der Tochter meines Volks. Gott spricht da also durch den Jeremia über sein Volk. Die Tränen, die da fliessen, sind Tränen der Trauer Gottes, und die vermischen sich mit jenen von Jeremia. Und so wird der Jeremia am Schluss verändert.

Das ist der Kern vom Glauben, aber das ist nicht einfach zu verstehen. Meistens sind wir schnell damit beschäftigt, Gott zu hinterfragen. Hat Gott mich noch gerne? Habe ich vielleicht etwas falsch gemacht? Möchte Gott mich vielleicht strafen? Wir sind wie Kinder, die sofort meinen, der Vater ist verrückt auf mich. Wir meinen, wir sind unterwegs mit einem schlafwandelnden graubärtigen Grossvater, der nicht versteht, was läuft. Wir sind wie Don Wanderhope, der genau weiss, dass seine Tochter am Sterben ist, und wir halten uns immer noch an der Medizin fest. Gott ist für uns ein Arzt, der alle Medikament und Therapien im Kasten hat, aber uns diese nicht rausrücken will. Und so ringen wir mit Gott, „Gibt es im Gilead keinen Balsam?“ „Hast du nicht noch ein Medikament im Schrank?“ Wir sind gefrustet. „Da muss es doch noch eine Tablette geben!?“ Die Frage ist nur, ist Gott als Apotheker bereit, diese rauszurücken?

Doch das ist nicht der Kern vom Glauben. Gott ist kein Apotheker, wo nicht versteht wie dringend die Situation ist. Gott ist Carol vom Don Wanderhope. Gott wird in Jesus zum Kind, das im Sterben liegt. Das ist die Story von der Erlösung! Gottes Tränen vermischen sich mit unseren Tränen, so wie sich die Tränen von Carol mit jenen von ihrem Vater vermischen. Das ist der Balsam vom Gilead. Manchmal ist dieser Balsam nicht unbedingt beruhigend oder tröstlich. Manchmal hätten wir lieber den schlafwandelnden graubärtigen Grossvater mit dem wir wütend sein könnten, weil er in seiner Herrlichkeit und mit seiner Apotheke, immer noch eine Möglichkeit hätte, und uns zu helfen.

Doch Gott wählt einen anderen Weg: Er begegnet uns in Christus. Gott begegnet uns als Carol. Durch Jesus kommt Gott ins Reich der Kranken. Gott ist mit uns. Wir sind müde, erschöpft, und völlig am Boden wegen der brutalen Wahrheit, doch am Schluss ist Gott näher an der Wahrheit als wir. Gott ist nicht irgendwo weit weg und schaut uns herzlos zu, wir können mit ihm die Trauer für sein sterbendes Kind teilen. Wir sind ja auch seine Kinder! Und so vermischen sich unsere Tränen mit denen von Gott. Wir sind Gott im Moment von den Tränen näher, als wir das sonst je wären. Das ist der Balsam vom Gilead.

Und wie kommen wir dort hin? Gott begegnet uns auf der anderen Seite des Jordan. Dort kommt uns Gott entgegen. Der Jordan wird gespiesen mit den Tränen Gottes, die sich mit unseren Tränen vermischen. Auf der Reise nach Gilead überqueren wir den Fluss der Tränen. Wir kennen diese Reise auch als Taufe. Das ist es, was die Taufe ist: Wir werden gebadet, geheilt, gereinigt und erneuert im Wasser, wo vom zerbrochenen Gottes Herz fliest. Das ist der Balsam Gottes. Die Tränen unseres lebendigen Gottes. Und diese Tränen sind das Taufwasser. Wir werden in den Tränen Gottes getauft. Das ist der wahre Balsam.

Es gibt den Balsam vom Gilead. Es gibt ihn. Aber wir können ihn nur durch unsere Tränen sehen – Gottes Tränen.

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